Erste Schritte im Yad Ezer le Haver

Die erste Nacht hab ich irgendwie vor ich hinschwitzend hinter mich gebracht und gehe 9 Uhr ins Yad Ezer le Haver. 

Was schreibe ich auf, was nicht? Ich möchte am liebsten jeden Moment festhalten.

Nun ist es real geworden Ich bin mit Menschen zusammen, die den Holocaust überlebt haben. Die in Auschwitz waren, in Dachau,  die ihre Familien verloren haben.

Hier in diesem Heim vor allem: Sie leben. Noch.

 

Morgens Treffen mit Judit, Amid, Claudia, Angela- mein erster Timetable wurde entworfen und ich darf wirklich die Dinge tun, die ich kann und gerne mache.

Am späten Vormittag laufen wir mit Shoschana zusammen durch den Park vom Madatech. Ich schiebe ihren Rollstuhl hinter ihr her, während sie, eingerahmt von Angela und Sarah, ein paar Schritte durch den Park tappelt. Shoschana is nahezu blind und taub. Für die tägliche Pflege gibt es eine Metapellet- eine bezahlte Pflegerin. Ist ein Mensch einmal so alt, gibt es nicht mehr viel Kommunikation mit der Außenwelt. Ich sehe ihre dünne Haut, frage mich, ob die Sonne nicht zu intensiv für sie ist. Aber Shoschana läuft nicht mehr länger als 10 Minuten.

Wenige Stunden später erzählt mir Shoschana Kolmer  ihre Geschichte, auf einer Leinwand in dem kleinen Museum des Hauses. Auf dieser Aufnahme vor wenigen Jahren konnte sie noch sprechen. Und was sie erzählt von ihren täglichen Erlebnissen in Auschwitz, ist erschütternd. 

 

Mittags essen mit allen zusammen. Ich werde vorgestellt. Meine Angebote bereits verkündigt.

Am Nachmittag Simultanübersetzung im Museum für deutsche Besucher, die kein Englisch können. Mit dabei einer der Bewohner. Er braucht einen Stuhl, sitzt auf ihm und weint inmitten all der Fotos, Dokumente, Erinnerungen.

So vieles findet zwischen den Zeilen statt. Wie nah kann ich diesen Menschen kommen?

Was denken sie, wenn ich mit ihnen tanze, so wie heute Abend? Hinterlasse ich Erschütterungen? Oder sind es einfach nur gute Momente? Ich hoffe es sehr.

Der Tanzabend heute erinnert mich an ein Fest im Hospiz. Das war ein großer Unterschied. Die Menschen dort sind todkrank, jeder Versuch, mit ihnen eine Fröhlichkeit zu schaffen, hat immer auch etwas Bemühtes. Ich hatte manchmal das Gefühl, das sie besonders verloren wirkten inmitten einer Festtagslaune. Anders hier: beim Tanzen das war Freude, die Lust, sich zu bewegen, die Freude, es noch zu können. Natürlich stehen die Menschen hier im yad ezer le Haver nahezu am Ende ihres Lebens, und sie haben eine schreckliche Geschichte hinter sich, sonst wären sie nicht hier. Aber es ist noch genug Leben in ihnen. Und das geben sie nicht her. Sie haben schon einmal überlebt.

 

Nachts mit Harel und Sher erstmals im Garten vor dem Madatech.  Ich checke die Lage- es gibt genug Bäume hier- in guten Abständen. Meine slackline habe ich also  nicht umsonst hier her geschleppt.

 

2. August, am Morgen.

Ich erfahre gerade von Harel, dass ich meine Wäsche nicht zu Hause waschen kann. Im bad steht eine Waschmaschine, die ich wohl nicht nutzen kann, er will es offensichtlich nicht. water Problems... murmelt er vor sich hin....

Öffentlicher Waschsalon, ein paar Straßenzüge weiter aufwärts. Hm…Er scheint nicht zu begreifen, dass das für mich ein ziemliches Problem ist. Keine Ahnung, wie er das für sich löst.

Also brauche ich eine Schüssel und einen Trockenständer. Oder ich frage mal im Altersheim nach. Mein Vermieter ist nett, aber auch etwas nüchtern, manchmal. Aber damit komme ich gut zurecht.

 

Die Krankenschwester, Angela, nimmt mich mit auf ihren Morgenbesuch bei Zwi und Nahum.

Es ist schön, zu sehen, wie Angela Nahums steife Arme, Hände und Beine mobilisiert.

Nahum liegt freundlich lächelnd in seinem Bett, er streckt Angela vertrauensvoll seine Arme entgegen. Nahum lag zwei Jahre in seinem Bett. Vor wenigen Wochen stand er das erste Mal auf und nun macht er an ihrem Arm wieder kleine Tippelschritte. Sie hat ihm buchstäblich auf die Beine geholfen.

 

Klara liegt neben ihm im Ehebett. Sie zeigt mir ihr Malheft. Nahum und Klara sind seit 70 Jahren verheiratet.

 

Ich könnte mir Farbe besorgen. Mit Zwi malen…?

 

Um 10 Uhr saßen doch tatsächlich ein paar Frauen im Kreis bei einer ersten „Gymnastikrunde“. Einen Mix aus Gymnastik, Tanz und Theater habe ich angeboten und die Frauen, wo sind die Männer?, waren begeistert dabei. Ich hinterher schweißgebadet, aber glücklich. Das ist mein Element! Und es funktioniert hier, wie gut.

 

Heute habe ich viele Geschichten gehört. Und dieses Zuhören kann ich hier sehr gut brauchen. Ein langes Gespräch mit Judit hat mir ihre Geschichte nahegebracht. Aber am Ende stand ihre klare Ansage, dass ich mich immer wieder zurückziehen und Kraft tanken muss. Und so bin direkt nach dem Mittagessen nach Hause. Kleine Runde mit Hundi, dann ausruhen, und am Abend wieder zum Essen.

 

Es beginnt schon, dass ich merke, wie sehr diese „Arbeit“ hier mich fordert und ich muss lernen, mich innerlich immer wieder in meine Freiräume zu begeben. Aber was sind das für luxuriöse Gedanken, im Angesicht der Erzählungen von Esti eben nach dem Abendessen…

 

„Ich muss erzählen“- sind ihre Worte. Dabei schüttelt es sie immer wieder durch. Besonders wenn sie an ihre Mama denkt, die erschossen wurde, vor ihren Augen, im Wald in Polen, wie fast alle ihre Familienmitglieder. Eine schwer verwundete Schwester hat zusammen mit ihr überlebt. Sie erinnert sich, wie sie ihr das Regenwasser in einer kleinen Mulde auffing und der Schwester, die nur leise um Wasser bitten konnte, in der hohlen Hand gab.

 

Am Ende ihres Lebens, viele Jahrzehnte später, sollte sich die Schwester daran erinnern und sagte zu Esti: Deine Hände haben mir das Leben gerettet.

 

Sich auf diese Geschichten einzulassen, geht nicht nebenbei. Wenn ich das Heim verlasse, zieht es mich nach Hause, voller Gedanken und dem Wunsch, das, was ich höre und erlebe, aufzuschreiben.  

 

Gerade rufe ich meine Mama an ... am Anfang lauter Nebensächlichkeiten und ich denke für mich, dass ich wahrscheinlich gar nicht beschreiben kann, was ich hier erlebe.

Doch,  jetzt fragt meine Mama, und ich beginne zu erzählen.. Unser Gespräch führt uns zu unserer Familie..

Wir reden von Tante Frieda, deren Foto in einer meiner letzten performances mitgespielt hat. Es wird persönlicher… Und plötzlich in mir die  erschütternde Erkenntnis: Ich habe eine Familie. Meine Eltern hatten ein normales Leben.

Jetzt erzählt meine Mama… und es ist gut, dass sie erzählen kann und es ist schön, so schön. Wie normal es ist, was sie erzählt. Von Schafen, Hühnern und einem wütenden Hahn, der das kleine Mädchen, welches sie einst war, angegriffen hat. Onkel Erwin hat daraufhin den Hahn böse bestraft, sie erinnert sich.

Ich kann sie fragen, so wie eben noch Esti.

 

In der Nacht sind Harel und ich erstmals auf die Slackline in den Park. Freunde von ihm und andere Hundebesitzer kamen hinzu.  Ich spaziere auf der slackline, werde für Mitte dreißig gehalten, genieße die Nachtluft, die nicht wirklich als kühl zu bezeichnen ist, süße Hunde um mich, ich stehe, wie nahezu immer, im Schweiß…was für ein schönes Leben.

Die slackline habe ich vorm Schlafengehen Harel geschenkt.                

 

Mit Shoshana Kolmer im nahegelegenen Park
Mit Shoshana Kolmer im nahegelegenen Park

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