Adeles Koffer oder Die Brücke nach Haifa

 

Adeles Koffer- oder die Brücke nach Haifa

 

Ein dokumentarisches Licht- und Schattenspiel

 

Spiel: Janne Wagler

 

Musik: Anselm Schülin

 

Regie: Julian Knab  (theatercompanie stagejumpers)

 

Eine Produktion des Theaters GOBELIN  Tübingen

 

 Premiere 5. April 2019 Sudhaus Tübingen 

 

 

Ausgangspunkt ist eine wahre Begebenheit: Der Koffer des jüdischen Mädchens Adele Kurzweil wird vor einigen Jahren zufällig in einem kleinen Dorf in Südfrankreich gefunden. Fotos, Briefe, persönliche Gegenstände sind erschütternde Zeugnisse einer misslungenen Rettung. Der dort ansässige Verein für deutsch- französische Kultur arbeitet bereits seit Jahren mit der Künstlerin und Schauspielerin Janne Wagler zusammen und beauftragt sie mit der Entwicklung eines Theaterstückes, dass diese Geschichte lebendig macht. Aus der Annäherung an diese Thematik wird die sehr persönliche Auseinandersetzung der Künstlerin mit dem Holocaust, unserem heutigen Umgang damit, mit den schwierigen Themen der Schuld, der Beziehung zu Israel und verstecktem und offenem Antisemitismus inmitten unserer Gesellschaft. Die Schauspielerin und Theatertherapeutin Janne Wagler wird im Rahmen dieser Recherche und Stückvorbereitung nun zum 2. Mal als Freiwillige für mehrere Monate in einem Altersheim für Überlebende des Holocaust in Israel arbeiten. Sie sammelt Tondokumente, schreibt ein Tagebuch, einen Blog, der diese Phase dokumentiert und sehr persönlich zugänglich macht.  In dem Wissen, dass Erinnerungskultur immer auch Gesichter und konkrete Geschichten braucht, um fühlbar zu bleiben, entsteht aus diesem Material in einem mehrmonatigen Probenprozess das Theaterstück: Adeles Koffer- die Brücke nach Haifa. Mit den Mitteln des Körpertheaters, sowie des Schatten- und Figurentheaters eines entstehen suggestive Bilder, die dem Publikum von dieser sehr persönlichen Begegnung und Reise erzählen. Adeles Koffer wird zum Sinnbild für Menschen ohne Heimat. Denn auch die Überlebenden, die in dem Heim Yad Ezer le haver in Israel eine notdürftige Heimat, aber oft keinen Frieden gefunden haben,  brauchen mehr denn je die Möglichkeit, dass ihre Leidensgeschichte gehört und nicht vergessen wird. Den aktuellen Tendenzen nach Beendigung eines „Schuldkultes“ wird hier mit Macht und konkreter Kunst widersprochen.

 

Aus dem Tagebuch:

Meine Reise hat begonnen...einfach ins Flugzeug gestiegen. Wo war sie, meine gute alte vertraute Angst vorm Fliegen? Ich habe sie nicht gebraucht. Wie gut ist es, sich auf den Weg zu machen. Ich werde für vier Monate in einem Hospiz arbeiten.

 

Gleich ins Herz von Jerusalem, zur Klagemauer- angetrieben von einer Sehnsucht, die mich selbst überraschte.

 

Meine Hand am warmen Stein, das Gemurmel der betenden Frauen um mich herum.

 

Männer mit riesigen Pelzkappen auf dem Kopf, Bücher unter dem Arm, eilig eilig an mir vorbei. Frauen in knielangen schwarzen Röcken, auf Schritt und Tritt Religion zum Anfassen. Im Moment sehe ich auf den ersten Blick nur religiöse Menschen. das Bild wird sich sicher noch differenzieren: Es geht schon los.  Auf der Straße rollt ein Araber eine Mülltonne. Türken und Afrikaner räumen bei uns den Müll weg.

 

Morgen lerne ich meine Arbeit im Hospiz kennen.

 

 

 

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Ich habe heute meine erste Einweisung hinter mir. Ich laufe hinter der Schwester her und lasse mir alles zeigen. Die Hälfte vergesse ich sofort, wenn ich es überhaupt verstehe. Aber dann ihr erlösendes: Don't wory- just ask. Viele der Patienten liegen wie kleine flache Traumhäufchen in ihren viel zu großen Betten. Ab morgen bin ich für diese Menschen da.       

 

Ich bin froh, dass ich hier bin. 
Bilder, Klänge, Stimmen, Sprachen mischen sich, legen sich übereinander, reiben sich- und es entsteht ein bunter Teppich in meinem Kopf.
Das Hospiz ist ein schöner Ort, fast symbolisch, in dieser im Moment aufgeheizten Stadt.
Draußen stechen Menschen aufeinander ein, im Hass aufeinander, im Gefühl einer Ohnmacht, im Wunsch, sich für eine erlittene Kränkung zu rächen...was weiß ich...
Und drinnen:
Ich stehe mit Abdallah am Bett von Orid, gemeinsam waschen wir sie, wärend Abdallah seine arabischen Lieder vor sich hin trällert. Die Kinder von Simeon kommen heute, zünden Shabbatkerzen an, singen mit ihm, wir singen mit-
draußen wieder mal eine Sirene, Blaulicht,...egal, wir haben zu tun.
Jeder Tag ein neues Wort, arabisch, hebräisch- was man eben so brauchen kann mit Menschen, deren Leben hier bald zu Ende geht.
Habibti werde ich gerufen, und immer wieder das mir nun schon so vertraute Schalom,
Das Shukran, das Yalla
Das Boker tov am Morgen
Ein letztes laila tov für die Nacht...
Ljudmilla, die gerne nach allen Pflegern Ohrfeigen verteilt und immer aus dem Bett klettert, lese ich Agatha Christie auf Russisch vor. Ich verstehe zwar nicht, was ich lese, aber sie ist zufrieden und mit dieser Aktion habe ich einen echten Punkt gelandet.
Sie wird nicht im Bett angebunden, sondern bekommt ihre Matratze auf den Boden gelegt, so kann sie im Zimmer herum rutschen.
Auf Zimmer 207 schnurchelt Izhak vor sich hin, neben ihm liegt Walid.
Über Religion wird hier nicht gesprochen, sie ist einfach kein Thema- herrlich.
Ich gehe viel in die Altstadt, die direkt vor unserem Hospiz auf der anderen Strassenseite beginnt. Ich bin einfach zu neugierig auf alles. Man sagt uns, dass der Konflikt im Moment eher eine face- to - face- Angelegenheit unter Juden und Muslimen ist. Schlimm genug, aber für uns eher nicht so gefährlich. Hoffen wir.
    

 

Sima saß im Aufenthaltseck, mit ihrer kleinen Rassel. Ich habe mit ihr gesungen. Quando veyo. und schalom alechem. Sie hat zwei Söhne, sie ist so alt wie ich. Sima stirbt an Krebs. Deswegen ist sie hier.

 

 

 

 

 

Mira, du möchtest auf die Terasse? Komm, ich begleite dich. Deine geschwollenen Beine hebe ich auf die Stützen deines Rollstuhls. Die Sonne zieht dich hinaus, und ich kann dich so gut verstehen. Nebeneinander sitzen wir auf den rostigen Gartenstühlen. Du hältst ein Minzblatt in der Hand. Die Minze hat beschlossen, Herrin über den Kräutergarten im Hospiz zu sein. Sie überwuchert die Wege, verschwendet ihren Duft. Mira, du drehst den Minzzweig in deiner hand. Du  bist unsagbar alt. Dein Schweigen macht mich befangen und zieht mich zu dir. Ich schweige mit dir. Zähle die Punkte auf deiner dünnen Haut, und freue mich, wenn du den Zweig an deine Nase hältst. Als meine Großmutter im Sterben lag, blühten die Linden. ich wollte ihr welche bringen, doch die Verwandtschaft hielt es für besser, den Duft nicht mehr ins Krankenzimmer zu lassen, wo der Abschied so nahe ist. Die schönen Düfte noch mal um sich haben- Großmutter. , ich glaube, heute würde ich dir den Lindenblütenzweig geben.

 

 

 

Schreiende, skandierende Menschenmassen heute Nacht. Blaulicht. Sirenengeheul während der Abendstunden im Hospiz. Jemand wurde ermordet.Danach von der Polizei der Täter erschossen.  Nun ist es real. Ich bin mittendrin in diesen unruhen. Habe ich das gewollt? Wollte ich wissen, ob das sich so anfühlt? Im Moment stehe ich nur vor der Frage: Kann ich entspannt irgendwo draußen meinen freien Vormittag verbringen oder nicht?.. 


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Begegnungsstätte für Juden, Christen und Muslime in Haifa
Begegnungsstätte für Juden, Christen und Muslime in Haifa